Von Schein und Sein 🩷

Veröffentlicht am 28. Juli 2026 um 08:12

„Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ — Antoine de Saint-Exupéry

Guten Morgen, liebe Leserinnen und liebe Leser 💚 Woran erkennt man eigentlich den Wert eines Menschen? An der Uhr, die er trägt? Am Auto, das er fährt? An der Kleidung, die er sich leisten kann? Oder vielleicht doch an der Art, wie er mit anderen Menschen umgeht? Diese Frage hat mich gestern beschäftigt. Allerdings erst nach dem Morgenkaffee auf der Lieblingsbank und meiner persönlichen Tour de Gießkanne.

Am Mittag hatte ich dann Besuch von einer lieben Kollegin, die längst zu einer Freundin geworden ist. Unsere Wege haben sich einmal beruflich gekreuzt, heute treffen wir uns ganz privat. Und dieses Mal zu einem Gartendate Es gab Kaffee für mich, frischen Pfefferminztee aus dem Garten für sie, dazu ein Stück Kuchen und vor allem eins: Zeit.

Zeit für Gespräche über Gott und die Welt, über die vergangenen Monate, über das Leben, über die Liebe. Über das, was einen beschäftigt und manchmal auch belastet. Irgendwann landeten wir bei einem Thema, das mich seitdem beschäftigt hat: Schein und Sein.

Wir sprachen darüber, wie wichtig vielen Menschen der äußere Eindruck ist. Dass Kleidung, Schmuck, Autos oder andere Statussymbole oft mehr Aufmerksamkeit bekommen, als der Mensch selbst. Dass manche sich beinahe gezwungen fühlen, nach außen etwas darzustellen – weil das Umfeld es erwartet oder weil sie glauben, nur so dazuzugehören.

Dabei macht all das keinen Menschen wertvoller. Ein Mensch wird nicht interessanter, weil sein Auto teurer ist. Nicht liebenswerter, weil seine Kleidung ein bestimmtes Logo trägt. Nicht schöner, weil an seinem Handgelenk eine Uhr für mehrere tausend Euro glänzt. Ich glaube sogar, dass ein wirklich schöner Mensch andere auch in Jogginghose und T-Shirt beeindrucken kann. Einfach, weil er er selbst ist.

Und wie schade wäre es, wenn wir uns in den Schein verlieben und dabei das eigentliche Sein übersehen? Oder einen wunderschönen Menschen verpassen, weil er Statussymbole bewusst vermeidet?

Doch Schein und Sein haben noch eine ganz andere Seite. Es gibt Menschen, die wirken nach außen unglaublich glücklich. Immer gut gelaunt. Immer stark. Immer mit einem Lächeln unterwegs. Und doch verbirgt sich hinter dieser Fassade manchmal tiefe Traurigkeit, Einsamkeit oder jede Menge Selbstzweifel. Manchmal sind es ausgerechnet die Menschen, die am lautesten lachen, die innerlich gerade den schwersten Kampf führen.

Und manchmal gaukeln wir nicht nur anderen etwas vor, sondern auch uns selbst. Mit teuren Dingen, die am Ende nur für die anderen schön sind...Manche versuchen auch, mit Alkohol, Drogen, Essen oder anderen Ablenkungen das zu überdecken, was eigentlich gesehen werden möchte. Und andere verdrängen einfach die unangenehmen oder schwierigen Dinge, weil es so vermeintlich einfacher ist. Auch das ist eine Form von Schein und verdeckt das wahre Sein...

Während ich nach dem Besuch noch ein wenig den Garten aufräumte und meine Hochbeete begutachtete, gingen mir all diese Gedanken durch den Kopf. Und wie so oft erinnerte mich mein Garten daran, warum ich ihn so liebe. Hier gibt es keinen Schein, hier ist alles echt. Nicht perfekt und genau deshalb für mich perfekt. Sogar Olga und Oleg -  meine beiden gefiederten Prachtexemplare.

Die haben gestern beschlossen, sich gleichzeitig in mein wirklich nicht besonders großes Vogelhaus zu quetschen. Nicht nur, um zu fressen, sondern offenbar auch, um gemeinsam die ungeliebten Haferflocken in schönster Synchronarbeit mit rhythmischen Kopfbewegungen  hinauszubefördern. Verwöhntes Federvieh... Ich überlege ernsthaft, künftig ausschließlich Haferflocken zu füttern. Mal sehen, wer dann am längeren Futterhebel sitzt. 😁

Neben meiner Freundin und den beiden Feinschmeckern hatte ich gestern auch noch einen Besucher, der mich besonders berührt hat. Eine kleine Hummel, die völlig entkräftet auf einer Blüte saß. Sie bewegte sich kaum und der Anblick hat mich sehr traurig gemacht. Ich wollte ihr helfen... Also setzte ich sie vorsichtig in den Schatten, stellte ihr ein winziges bisschen Zuckerwasser hin und legte ihr sogar eine kleine Blüte dazu. Mehr kann man in so einem Moment ja leider nicht tun.

Fast zwei Stunden lang beobachtete ich sie immer wieder. Mal krabbelte sie ein paar Zentimeter, dann blieb sie regungslos sitzen. Es wirkte fast so, als hätte sie sich daran erinnert, dass Hummeln eigentlich gar nicht fliegen können. Zwischendurch dachte ich ehrlich, sie würde es nicht schaffen. Irgendwann nahm ich sie dann vorsichtig auf meinen Finger und hielt die Hand ein Stück nach oben. Und plötzlich... ...flog sie los. Und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr ich mich über diesen winzigen Moment gefreut habe.

Vielleicht ist das ein Teil meines Seins. Ich fühle auch für und mit Tieren. Und helfe ihnen, wann immer ich kann. Das ist sicher nicht spektakulär. Aber echt. 

Und damit kommen wir zum heutigen Dienstag, der tatsächlich mein letzter Urlaubstag ist... vor ziemlich genau drei Wochen hatte ich noch gesagt, dass ich mich freue, wieder arbeiten zu gehen. Das stimmt auch immer noch. Und trotzdem muss ich zugeben, dass ich gerade ein kleines bisschen wehmütig bin. Noch eine Urlaubswoche hätte ich vermutlich ohne große Überredungskunst genommen. Aber ich will nicht unverschämt sein.

Drei Wochen voller Erlebnisse, Begegnungen, Reisen, Gartenzeit und unzähliger kleiner Glücksmomente sind ein Geschenk. Jetzt darf der Alltag langsam wieder anklopfen. Und ich glaube, ich bin bereit, ihm die Tür zu öffnen..

Heute wartet allerdings zuerst noch eine traurige aber notwendige Aufgabe auf mich. Und ohne näher darauf einzugehen... möchte ich diesen Beitrag all den Menschen widmen, die gerade einen schweren Weg gehen. Denen, die einen geliebten Menschen verloren haben. Denen, die Abschied nehmen müssen. Und denen, die im Moment vielleicht nach außen lächeln, obwohl ihnen innerlich gar nicht danach zumute ist.

Passt gut auf euch auf.

Bis morgen 🩷

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