Zwischen den Zeilen...

Veröffentlicht am 11. August 2026 um 07:30

Guten Morgen, liebe Leserinnen und liebe Leser ❤️ Manche Montage sind Montage.Und manche Montage sind irgendwie ein bisschen mehr. Gestern war so einer.

Er begann nämlich mit einem dieser Termine, bei denen einem ziemlich eindrucksvoll vor Augen geführt wird, dass die Zeit offensichtlich keinerlei Rücksicht darauf nimmt, ob man selbst bereit dafür ist, dass sie vergeht.

Mein jüngstes Patenkind hatte ihren ersten Tag am Gymnasium. Und während sie da nun also schon wieder einen neuen Lebensabschnitt begonnen hat, sehe ich sie immer noch mit ihrer riesengroßen Schultüte vor mir. Damals, vor vier Jahren, bei ihrer Einschulung in die Grundschule.

Vier Jahre. Einfach weg... Natürlich weiß ich, dass genau das der Lauf der Dinge ist. Kinder werden größer, aus Erstklässlern werden Gymnasiasten und irgendwann stehen junge Erwachsene vor einem und man fragt sich ernsthaft, wer ihnen eigentlich erlaubt hat, so schnell groß zu werden. Und während all der Zeit sammelt man gemeinsam Erinnerungen, die für immer im Herzen bleiben ❤️

Trotzdem machen mich solche Tage immer ein bisschen wehmütig... und stolz... und glücklich.. und melancholisch. Alles gleichzeitig. Vielleicht gehört auch genau das dazu, wenn man einen Menschen liebhat und ein Stück seines Weges begleiten darf. Man freut sich darüber, dass er weitergeht, und würde gleichzeitig manchmal gerne ganz kurz die Zeit anhalten. Nur für einen Moment...

Nach diesem besonderen Start ging es für mich dann deutlich unspektakulärer weiter. Mein Arbeitspensum wartete auf mich und wurde im Garten-Homeoffice abgearbeitet. Bei Temperaturen, die gestern übrigens eine neue Wetterkategorie verdient hätten. Ich würde sie Umluft nennen. Es war nämlich nicht nur brütend heiß. Zwischendurch wehte tatsächlich auch ein bisschen Wind. Allerdings kein Wind, der die Temperatur nennenswert gesenkt hätte. Eher so, als würde jemand beim Backofen zusätzlich den Ventilator einschalten. Umluft eben.

Am Nachmittag bekam ich dann lieben Besuch. Eine ehemalige Kollegin, die mittlerweile längst eine Freundin geworden ist. Wir sehen uns viel zu selten, aber wenn wir uns sehen, freue ich mich jedes Mal sehr darauf. Offensichtlich hatte sie außerdem aufmerksam verfolgt, wie viele Menschen ich in letzter Zeit in meinem Garten verköstigt hatte. Ihre Bedingung für ihren Besuch lautete deshalb: Sie bringt das Essen mit. Ich fand diese Frau schon vorher sehr sympathisch. 😉

Und so saßen wir wenig später bei Umluft im Garten, vor uns sehr leckere Antipasti, während ich meine wirklich herausragenden Fähigkeiten als Grillmeisterin unter Beweis stellte und zwei Fleischspieße auf den Rost legte. Und dann haben wir geredet. Sehr viel sogar. Über all das, was in den vergangenen Monaten passiert ist, über Veränderungen und Menschen. Über Dinge, die guttun - und über solche, die es nicht tun. Irgendwann kamen wir darauf, wie eng Kopf und Körper eigentlich miteinander verbunden sind.

Geht es dem Kopf dauerhaft nicht gut, meldet sich irgendwann häufig auch der Körper. Und umgekehrt funktioniert es leider genauso. Vielleicht vergessen wir manchmal, dass wir eben nicht aus einzelnen Ersatzteilen bestehen, die völlig unabhängig voneinander funktionieren. Wir sind schon eher ein ziemlich kompliziertes Gesamtkunstwerk. Und manchmal braucht dieses Gesamtkunstwerk ein bisschen Pflege.

Interessanterweise hatte mich genau dieses Thema gestern schon einmal beschäftigt. Ich hatte im Laufe des Tages ein Gespräch mit einem lieben Kollegen, der im vergangenen Jahr etwas ziemlich Heftiges erlebt hat und noch immer damit beschäftigt ist, das Erlebte zu verarbeiten. Und während unseres Gesprächs kamen wir auf einen Gedanken, den ich sehr schön fand:

Manches heilt leichter, wenn man es nicht alleine heilen muss. Nicht, weil ein anderer Mensch einem die Arbeit abnehmen kann - das kann leider niemand. Aber weil jemand daneben sitzen kann. Zuhören kann. Mitdenken und  -fühlen kann. Vielleicht an der richtigen Stelle eine Frage stellen kann. Oder einfach dafür sorgen kann, dass das, was man gerade trägt, für einen Moment ein bisschen weniger schwer erscheint.

Und manchmal muss dieser andere Mensch übrigens gar nicht da sein. Denn wir haben gestern auch darüber gesprochen, wie gut es tun kann, Gedanken aufzuschreiben. Ich kenne das selbst ziemlich gut. Manchmal ist im Kopf ein ziemliches Durcheinander. Gedanken drehen ihre Runden, vermischen sich miteinander und werden dabei meistens nicht unbedingt übersichtlicher. Sobald ich anfange, sie aufzuschreiben, passiert etwas damit.

Sie sortieren sich. Nicht immer sofort und manchmal steht am Ende auch keine Lösung auf dem Papier. Aber plötzlich kann ich meine eigenen Gedanken anschauen, statt sie nur im Kopf herumzutragen. Vielleicht ist Schreiben deshalb auch eine Form des Zuhörens. Man hört sich selbst zu.

Und möglicherweise fällt uns genau das manchmal sogar schwerer, als einem anderen Menschen zuzuhören. Ich merke das tatsächlich fast jeden Morgen, wenn ich meine Geschichten für euch schreibe. Natürlich erzähle ich euch von meinem Garten, meinem Alltag, den Menschen, die mir begegnen, von schönen, lustigen und manchmal auch nachdenklichen Momenten. Aber während ich das alles für euch aufschreibe, passiert meistens noch etwas anderes. Ich sortiere mich selbst ein kleines bisschen.

Vermutlich ist genau das einer der Gründe, warum ich nach all den Jahren immer noch so gerne schreibe. Manchmal entdecke ich nämlich erst zwischen den Zeilen, was mich eigentlich beschäftigt. Und manchmal steht die Antwort sogar schon da. Man muss sie nur noch lesen.

Solche Gespräche wie das mit meinem Kollegen sind übrigens einer der Gründe, warum ich meinen Job so gerne mache. Weil ich immer wieder das Gefühl habe, tatsächlich etwas bewirken zu können. Nicht indem ich anderen Menschen sage, wie ihr Leben funktioniert. Das weiß ich schließlich bei meinem eigenen gelegentlich schon nicht. 😉 Sondern indem ich zuhöre - wirklich zuhöre. Und manchmal vielleicht dabei helfe, einen Gedanken ein kleines Stück weiterzudenken.

Eigentlich ist es im privaten Leben gar nicht so anders. Auch dort brauchen wir Menschen, denen wir erzählen können, was gerade in uns passiert. Menschen, bei denen wir nicht vorher überlegen müssen, welche Hälfte der Geschichte wir erzählen dürfen. Menschen, denen wir auch die komplizierten Gedanken zumuten können. Die widersprüchlichen... die traurigen... die wütenden. Und manchmal auch diejenigen, auf die wir selbst noch keine richtige Antwort haben.

Ich habe in den vergangenen Tagen wieder einmal gemerkt, wie wichtig mir genau das ist. Reden. Zuhören. Verstehen. Und vielleicht gehört noch etwas dazu: Ehrlich antworten. Denn Zuhören allein reicht manchmal nicht.

Man kann sehr viele Worte miteinander wechseln und trotzdem aneinander vorbeireden. Man kann Fragen beantworten und den anderen trotzdem mit einem Fragezeichen zurücklassen.

Und manchmal braucht es eben den kleinen Mut, nicht nur irgendetwas zu sagen, sondern das, was wirklich da ist. Auch wenn es unbequem ist. Vielleicht sogar gerade dann.

Denn Nähe entsteht für mich nicht dadurch, dass Menschen immer einer Meinung sind oder auf alles sofort eine Antwort haben. Sie entsteht dort, wo man sich zeigt.

Und vielleicht ist das überhaupt das Bild meines gestrigen Montags: Wir tragen alle unsere kleinen und großen Rucksäcke durchs Leben. In manchen steckt gerade hauptsächlich Vorfreude auf einen neuen Lebensabschnitt, in anderen liegen Erinnerungen. Manche sind voll mit Dingen, die längst passiert sind und trotzdem noch ziemlich schwer wiegen. Und in wieder anderen steckt vielleicht gerade eine Frage, auf die noch niemand so richtig eine Antwort gefunden hat.

Abnehmen können wir einander diese Rucksäcke vermutlich nicht. Aber wir können sie öffnen. Wir können erzählen, was darin steckt. Wir können jemandem erlauben hineinzuschauen. Und manchmal reicht schon ein Mensch, der sich daneben setzt, zuhört und sagt: „Erzähl.“

Vielleicht wird der Rucksack dadurch nicht sofort leichter. Aber man trägt ihn nicht mehr ganz allein. Und ich habe großes Glück, denn ich habe solche Menschen. In meiner Familie sowieso, aber auch unter meinen Freunden. Menschen, mit denen ich lachen, nachdenken, diskutieren, zweifeln und mir manchmal einfach alles von der Seele reden kann.

Menschen, die zuhören. Und Menschen, die mir auch Dinge sagen, die ich vielleicht gerade gar nicht hören möchte. Dafür bin ich sehr dankbar. Und deshalb nehme ich aus diesem besonderen Montag gleich mehrere Dinge mit:

Dass vier Jahre erschreckend schnell vergehen. Dass aus kleinen Grundschulkindern plötzlich Gymnasiasten werden. Dass Antipasti bei Umluft erstaunlich gut schmecken. Und vor allem:

Redet miteinander aber hört auch zu. Wirklich. Und wenn euch jemand etwas fragt, das ihm wichtig ist, dann habt vielleicht den Mut, ehrlich darauf zu antworten. Denn manchmal verändert ein Gespräch nichts an den Tatsachen. Aber sehr viel daran, wie schwer wir sie tragen müssen.

Habt einen schönen Dienstag. ❤️

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