Guten Morgen liebe Leserinnen und liebe Leser 🫶 Manchmal wartet man. Auf den Feierabend. Auf den Urlaub. Auf besseres Wetter. Auf den richtigen Moment. Auf eine Nachricht. Auf eine Antwort. Auf eine Entscheidung. Darauf, dass irgendetwas passiert oder irgendjemand etwas tut.
Und manchmal merkt man irgendwann, dass man während des Wartens etwas ziemlich Wichtiges vergessen hat: zu leben. Dieser Gedanke beschäftigt mich gerade. Vielleicht auch deshalb, weil er ziemlich viel mit dem zu tun hat, was ich jeden Tag in meiner Arbeit erlebe. Eine der Grundlagen im Coaching ist nämlich eine eigentlich ziemlich simple Erkenntnis:
Wir können andere Menschen nicht verändern. Wir können sagen, was wir denken. Wir können sagen, was wir fühlen. Wir können sagen, was wir brauchen. Wir können Fragen stellen, Wünsche äußern, Grenzen setzen und erklären, was etwas mit uns macht.
Was ein anderer Mensch anschließend daraus macht, liegt allerdings nicht mehr in unserer Hand. Und das gilt natürlich nicht nur im Coaching. Das gilt im Job, in Freundschaften, in Familien und in Beziehungen. Eigentlich überall dort, wo Menschen aufeinandertreffen.
Wir können sehr viel beeinflussen - aber eben nicht alles. Und vermutlich beginnt ein kleines Stück Freiheit genau in dem Moment, in dem man aufhört, seine eigene Zufriedenheit von einer Entscheidung abhängig zu machen, die man selbst überhaupt nicht treffen kann.
Das bedeutet übrigens nicht, dass einem plötzlich alles egal ist. Das wäre schön einfach, ist aber Quatsch. Denn natürlich gibt es Dinge, über die wir nachdenken. Dinge, die uns beschäftigen. Menschen, die uns wichtig sind. Antworten, die wir gerne hätten.
Aber ich stelle gerade fest, dass es einen ziemlich großen Unterschied gibt zwischen auf etwas warten und offen dafür sein, was passiert. Das eine hält einen fest - das andere lässt erstaunlich viel Platz. Und manchmal braucht das Leben genau diesen Platz, um mit etwas um die Ecke zu kommen, mit dem man überhaupt nicht gerechnet hat.
So wie vorgestern Abend, als ich eigentlich nichts Besonderes vorhatte und früh schlafen gehen wollte...Und dann kam ziemlich spontan eine Einladung, die ich genauso spontan angenommen habe. Also bin ich los und hatte es zum Glück nicht sehr weit.
Aus einem kurzen Besuch wurde ein längerer. Aus einem längeren Besuch wurde ein sehr langer. Es wurde geredet, Musik gehört und ziemlich viel gelacht. Während sich zuerst die Sonne und dann der (halbwegs) vernünftige Teil der Runde nach Hause verabschiedete.
Ich gehörte allerdings offensichtlich nicht dazu. Und irgendwann war es nach zwei Uhr morgens. An einem Wochentag - mit Arbeit am nächsten Morgen. Man muss schließlich Prioritäten setzen. 😉
Gestern Morgen war ich dann entsprechend frisch. Auf einer Skala von eins bis zehn ungefähr bei minus fünf. Und auch wenn ich die gesetzten Prioritäten kurzfristig überdenken musste, würde ich diesen Abend jederzeit wieder genauso verbringen. Vielleicht auch gerade deshalb.
Denn während ich dort saß, habe ich auf überhaupt nichts gewartet. Ich habe nicht darüber nachgedacht, was morgen ist. Ich habe nicht überlegt, was irgendjemand irgendwann entscheiden könnte. Ich war einfach da... Musik... Gespräche... Lachen. Ein Sommerabend, der viel länger dauerte als geplant.
Und am Ende sind genau das die Abende, an die wir uns erinnern. Nicht unbedingt die geplanten, nicht diejenigen, bei denen alles perfekt vorbereitet war (denn das war es definitiv überhaupt nicht)..Sondern die, bei denen das Leben irgendwann leise anklopft und fragt: Kommst du mit? Und man einfach Ja sagt.
Gestern hat mich dann auch der Himmel daran erinnert, dass die Dinge manchmal sowieso ihren eigenen Lauf nehmen. Es gab eine partielle Sonnenfinsternis. Und ich mag allein dieses Wort. Sonnenfinsternis. Es klingt so, als würde die Sonne verschwinden. Dabei tut sie das gar nicht. Es schiebt sich nur für eine Weile etwas davor. Das Licht ist trotzdem noch da.
Ich finde, das ist eigentlich ein ziemlich schönes Bild für das Leben. Manchmal schiebt sich etwas vor das, was sonst hell ist. Eine Sorge, eine Enttäuschung, eine offene Frage, ein Mensch. Oder einfach ein Gedanke, der plötzlich viel mehr Platz einnimmt, als man ihm eigentlich geben wollte. Und während man darauf schaut, könnte man beinahe vergessen, dass dahinter immer noch die Sonne scheint.
Sie braucht unsere Hilfe übrigens nicht - sie kommt ganz alleine wieder zum Vorschein. Vielleicht muss man manchmal einfach ein bisschen den Blick verändern - oder abwarten.
Und gestern Abend hatte der Himmel noch etwas anderes zu bieten. Die Perseiden. Also habe ich mich tatsächlich noch einmal in meinen Garten gesetzt und später in den Nachthimmel geschaut. Was angesichts meiner Schlafbilanz der vorherigen Nacht vielleicht nicht die vernünftigste Entscheidung meines Lebens war. Aber Vernunft war in diesen Tagen ohnehin ein wenig überbewertet. 😉
Und da saß ich nun. Es war ruhig, der Garten sah nachts plötzlich ganz anders aus als tagsüber. Und über mir dieser riesige Himmel.... Ich habe mich in meine Kuscheldecke gehüllt, nach oben geschaut und gewartet. Ja gewartet. Ausgerechnet. Und plötzlich musste ich über mich selbst lachen.
Denn genau darüber hatte ich den ganzen Tag nachgedacht. Nicht mehr warten. Und nun saß ich mitten in der Nacht im Garten und tat genau das. Aber es fühlte sich vollkommen anders an. Vielleicht gibt es nämlich zwei Arten des Wartens. Das eine Warten macht uns klein. Wir schauen ständig auf die Uhr oder aufs Handy. Wir hoffen, dass etwas passiert. Dass jemand etwas tut, dass eine Entscheidung fällt. Und währenddessen halten wir irgendwie selbst ein kleines bisschen die Luft an.
Das andere Warten ist neugierig. Man sitzt da und schaut in den Himmel. Man weiß nicht, wann etwas passiert. Man weiß nicht einmal, ob etwas passiert. Und trotzdem ist der Moment schon schön. Nicht erst dann, wenn die Sternschnuppe kommt. Sondern vorher. Währenddessen. Einfach so.
Und dann kam tatsächlich eine. Nur ganz kurz. Ein heller Strich am Himmel und schon war sie wieder verschwunden. Und natürlich habe ich mir etwas gewünscht. Das gehört sich schließlich so.
Früher hätte ich vielleicht Wünsche gehabt, die ziemlich stark davon abhängig gewesen wären, was andere Menschen tun. Dass jemand bleibt, dass jemand kommt. Dass jemand sich entscheidet, dass jemand etwas erkennt. Dass etwas genauso wird, wie ich es mir vorgestellt habe. Aber Wünsche verändetn sich irgendwann.
Ich wünsche mir inzwischen weniger, dass andere Menschen bestimmte Entscheidungen treffen. Und mehr, dass ich selbst weiterhin Entscheidungen treffe, die mir guttun. Dass ich merke, wann etwas leicht ist. Dass ich Menschen um mich habe, mit denen aus einer Stunde plötzlich fünf werden. Menschen, mit denen ich reden und schweigen, Musik hören und lachen kann. Menschen, bei denen ich nicht darüber nachdenken muss, was ich gerade sein sollte.
Vielleicht wünsche ich mir, dass ich neugierig bleibe auf all die Dinge, die passieren, obwohl sie in keinem Kalender stehen. Dass ich öfter Ja sage, wenn das Leben unerwartet anklopft. Und dass ich nicht zu viel Lebenszeit damit verbringe, vor Türen zu warten, die ich selbst gar nicht öffnen kann.
Vielleicht ist das überhaupt die Erkenntnis dieser Tage: Nicht jede offene Frage braucht sofort eine Antwort, damit das eigene Leben weitergehen kann. Manche Antworten kommen, andere vielleicht nicht. Und wieder andere verlieren irgendwann ihre Bedeutung, weil man währenddessen längst weitergegangen ist. Das Leben wartet nämlich nicht. Zum Glück. Es passiert einfach.
Manchmal morgens beim Kaffee auf der Lieblingsbank. Manchmal bei einem Gespräch. Manchmal bei Musik und Lachen bis weit nach Mitternacht. Und manchmal nachts im Kleingarten, während man in einen ziemlich großen Himmel schaut und für einen winzigen Moment ein Licht darüberhuschen sieht.
Gestern Abend habe ich gewartet. Aber ausnahmsweise auf niemanden. Ich habe auf eine Sternschnuppe gewartet. Was ich mir gewünscht habe? Das verrate ich euch natürlich nicht. Ihr wisst doch: Sonst geht es nicht in Erfüllung. 😉 Aber vielleicht war es diesmal gar kein Wunsch danach, dass irgendetwas Bestimmtes passiert. Vielleicht war es einfach der Wunsch, weiterhin das zu tun, was ich in diesem Moment getan habe: Nicht auf das Leben warten - sondern mittendrin sein.
Habt einen schönen Donnerstag. ❤️
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