Guten Morgen, liebe Leserinnen und liebe Leser 🩷 Heute ist Freitag, der 14. August. Und heute wäre meine Oma 104 Jahre alt geworden.
Die aufmerksamen Leserinnen und Leser unter euch wissen, dass ich das große Glück hatte, zwei tolle Omas zu haben. Heute geht es um die Mama meiner Mama. Um einen der gütigsten, herzlichsten und liebevollsten Menschen, die mir in meinem Leben begegnet sind.
Und um einen Satz. Einen Satz, den sie ziemlich am Ende ihres Lebens zu mir gesagt hat und den ich bis heute nicht vergessen habe:
„Ich hatte ein schönes Leben. Und ich habe eine schöne Familie.“
Ich weiß noch, dass dieser Satz damals sehr viel in mir ausgelöst hat. Vor allem Traurigkeit. Denn irgendwie klang er für mich nach Abschied. Als würde meine Oma einen Haken hinter ihr Leben machen und mir gleichzeitig sagen wollen: Es ist gut. Und ich wollte natürlich überhaupt nicht, dass es gut ist. Ich wollte, dass sie bleibt.
Heute, viele Jahre später, empfinde ich diesen Satz ganz anders. Heute glaube ich, dass es vielleicht einer der schönsten Sätze überhaupt ist, die ein Mensch am Ende seines Lebens sagen kann. Vor allem, wenn man das Leben meiner Oma ein bisschen kennt.
Denn objektiv betrachtet war dieses Leben nämlich ganz sicher nicht immer schön. Meine Oma hat sehr früh ihre Mama verloren. Sie hat ihren Mann viel zu früh verloren. Sie musste Abschiede verkraften, Schicksalsschläge hinnehmen und Dinge aushalten, die sie sich ganz sicher nicht ausgesucht hätte.
Und trotzdem saß diese Frau da und sagte: Ich hatte ein schönes Leben. Und ich habe ihr geglaubt.
Vielleicht liegt genau darin etwas, das sie mir hinterlassen hat. Ein schönes Leben bedeutet offenbar nicht, dass einem nur schöne Dinge passieren. Vielleicht bedeutet es vielmehr, was wir aus all den Dingen machen, die uns passieren.
Meine Oma war trotz allem – oder vielleicht auch wegen allem – ein unglaublich herzlicher Mensch. Sie war für andere da. Es war ihr wichtig, dass es den Menschen um sie herum gut ging. Sie war empathisch, liebevoll und gütig.
Und zum Glück hat sie davon ziemlich viel weitergegeben. An ihre beiden Töchter, meine Mama und meine Tante. Und wenn ich heute über die beiden nachdenke, finde ich ganz viel von meiner Oma in ihnen wieder. Diese Herzlichkeit. Dieses Kümmern. Dieses Gefühl von Familie. Und wahrscheinlich wandern solche Dinge weiter, von Generation zu Generation, ohne dass wir es immer bemerken.
Ein bisschen Oma lebt also sowieso weiter. Und natürlich auch in ihren Sprüchen. Davon hatte sie nämlich einige. 😁 Zum Beispiel:
„Was stört es die stolze Eiche, wenn sich eine Wildsau an ihr reibt?“
Ein Satz, dessen praktische Anwendbarkeit im Laufe eines Lebens erstaunlich groß ist. 😂 Und dann war da noch einer ihrer Lieblingssätze:
„Nichts ist so schlecht, dass es nicht für irgendetwas gut ist.“
Früher habe ich solche Sätze einfach als typische Oma-Sprüche abgespeichert. Heute ertappe ich mich dabei, dass ich sie selbst benutze. Offenbar wird man irgendwann zu seiner eigenen Oma. 😂 Aber vor allem verstehe ich heute viel besser, was sie damit gemeint hat.
Denn natürlich gibt es Dinge im Leben, an denen überhaupt nichts schön ist. Verluste. Abschiede. Enttäuschungen. Schicksalsschläge. Dinge, die wir nicht ändern können, egal wie sehr wir es gerne würden. Aber wir können entscheiden, ob diese Dinge irgendwann unser ganzes Leben beschreiben dürfen. Oder ob daneben trotzdem noch Platz bleibt.
Für schöne Menschen. Für Liebe. Für Freundschaft. Für Familie. Für Sommerabende. Für Lachen. Für gutes Essen. Für kleine Abenteuer. Für Eierlikör. 😁 Und für all die winzigen Momente, aus denen am Ende vielleicht genau dieses schöne Leben besteht.
Wenn ich heute an meine Oma denke, denke ich deshalb ganz bewusst an diese Momente. An Übernachtungen bei ihr im Sommer. An unsere Stadtfahrten mit dem Bus. An das leckere Essen, das sie für mich gekocht hat. An unsere Gespräche. Und an ihr Lachen.
Und ganz besonders daran, wie sie Witze erzählt hat. Meine Oma konnte nämlich durchaus lustig sein. Noch lustiger wurde es allerdings, wenn sie vorher ein Eierlikörchen genippt hatte. Dann war manchmal gar nicht mehr so entscheidend, wie gut der eigentliche Witz war. 😂 Vielleicht sind genau das die Erinnerungen, die bleiben sollen.
Und vielleicht steckt in ihrem Satz noch eine zweite Botschaft, über die ich heute nachdenke. Denn meine Oma sagte nicht nur: „Ich hatte ein schönes Leben.“ Sie sagte auch: „Ich habe eine schöne Familie.“
Und diese schöne Familie gibt es heute immer noch. Das war ihr sehr wichtig. Und es war ganz sicher einer ihrer größten Wünsche, dass das auch nach ihr so bleibt. Wobei ich mittlerweile glaube, dass weder ein schönes Leben noch eine schöne Familie einfach vom Himmel fallen. Beides braucht ein bisschen Arbeit.
Das klingt bei Familie vielleicht nicht besonders romantisch, aber vermutlich ist es so. Man muss sich umeinander kümmern. Man muss sich melden. Manchmal muss man verzeihen. Man muss Zeit miteinander verbringen. Man muss Interesse haben. Und manchmal muss man sich eben auch ein bisschen Mühe geben.
Genauso ist es mit einem schönen Leben. Auch das ist kein Zufallsprodukt. Wir wissen schließlich nicht, wie viel Zeit uns bleibt. Und deshalb gefällt mir der Gedanke, nicht erst irgendwann am Ende Bilanz zu ziehen und zu überlegen, ob es eigentlich ein schönes Leben war.
Vielleicht sollten wir zwischendurch immer mal wieder nachsehen. Und wenn die Antwort gerade Nein lautet, dürfen wir vielleicht überlegen, was wir selbst daran verändern können. Nicht alles liegt in unserer Hand. Aber erstaunlich vieles eben doch. Welche Menschen wir in unserem Leben haben. Mit wem wir unsere Zeit verbringen. Worüber wir uns aufregen. Worüber wir lachen. Was wir auf irgendwann verschieben. Und welche schönen Momente wir uns ganz bewusst erlauben.
Für mich ist das eines der größten Geschenke, die meine Oma mir hinterlassen hat. Nicht die Vorstellung von einem perfekten Leben. Sondern von einem schönen. Mit allem, was dazugehört. Und wenn ich irgendwann einmal selbst sagen kann:
„Ich hatte ein schönes Leben. Und ich habe eine schöne Familie.“
Dann habe ich vermutlich ziemlich viel richtig gemacht.
Heute wäre meine Oma 104 Jahre alt geworden. Sie ist schon viel zu lange nicht mehr hier. Und gleichzeitig ist sie irgendwie immer noch da. In meiner Mama. In meiner Tante. In unserer Familie. In meinen Erinnerungen. In meinen Gedanken. In irgendwelchen Situationen, in denen plötzlich eine stolze Eiche und eine Wildsau eine erstaunlich wichtige Rolle spielen. 😁
Und natürlich in meinem Herzen. Vielleicht verschwinden die Menschen, die wir lieben, nämlich gar nicht vollständig. Vielleicht wechseln sie irgendwann einfach nur den Platz. Und meiner Oma gefällt ihrer hoffentlich. ❤️
Damit wünsche ich euch einen schönen Freitag und schon jetzt ein wunderbares Wochenende. Ich habe nämlich etwas vor. Und weil es ziemlich schön werden könnte, melde ich mich vorsorglich schon einmal ab. 😁 Ich werde versuchen, genau das zu tun, worüber ich heute geschrieben habe: ein schönes Leben haben.
Was ich erlebt habe, erzähle ich euch dann nächste Woche.
Ganz liebe Grüße
Kerstin 🩷
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