Der "wiedische" Kaiser und die nackte Frau ...

Veröffentlicht am 17. August 2026 um 08:11

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser 🩷 Heute ist Montag und ich sitze bei einem angenehm kühlen Morgenkaffee auf meiner Lieblingsbank. Was ich nach den Temperaturen der vergangenen Tage ausdrücklich positiv meine. Ich selbst bin allerdings noch nicht so richtig fit, was weniger am Montag liegt als an dem Wochenende, das hinter mir liegt. Und ich kann schon einmal vorwegnehmen: Es hat sich definitiv gelohnt.

Wie angekündigt hatte ich nämlich ein besonderes Wochenende. Was überwiegend daran liegt, dass ich es mit meinem ältesten Patenkind Linus verbracht habe. Eigentlich wollten wir nach Berlin, denn die Reise hatte ich ihm zum 18. Geburtstag geschenkt. Der Plan war, Samstag hinzufahren, eine Nacht zu bleiben, möglichst viel zu erleben und am Sonntag wieder zurückzufahren.

Eine Woche vor unserer Reise beschloss die Deutsche Bahn allerdings, dass dieser Plan offenbar zu einfach war, und strich unseren Zug. Die angebotenen Alternativen beinhalteten mehrfaches Umsteigen und damit aus meiner Sicht ungefähr 37 Möglichkeiten, irgendwo zu stranden. Da wir nur eine Übernachtung hatten und das Ganze für relativ viel Geld nicht ausschließlich in Zügen, auf Bahnsteigen und möglicherweise auf irgendeinem Bahnhof in der deutschen Provinz verbringen wollten, planten wir kurzerhand um.

Mein Vorschlag war Koblenz, weil ich dort vor ein paar Jahren schon einmal gewesen war und die Stadt in sehr guter Erinnerung hatte. Also machten wir uns am Samstagmorgen fröhlich gestimmt und leicht übermüdet ziemlich früh mit dem Regionalexpress von Saarlouis auf den Weg. Das funktionierte immerhin bis...  Trier.

Dort entschied die Deutsche Bahn nämlich, unseren Zug einfach ausfallen zu lassen, und schenkte uns damit völlig kostenlos eine Stunde Aufenthalt in Trier. Wenn die Bahn schon keine zuverlässigen Zugverbindungen anbietet, sorgt sie wenigstens dafür, dass man Deutschland ein bisschen besser kennenlernt.

Wir nutzten unseren unverhofften Aufenthalt sinnvoll und gingen in ein Café, wo wir vermutlich den günstigsten Kaffee aller Zeiten tranken. Ich sage es mal so: Er war auch nicht mehr wert als das, was wir dafür bezahlt haben, aber das ist eine andere Geschichte.

Als erfahrene Nicht-Bahnfahrer schafften wir es anschließend tatsächlich, eine alternative Verbindung zu finden, die uns mit nur etwa einer Stunde Verspätung ziemlich genau dorthin brachte, wo wir wohnten: in eine kleine Weinstube in einem Vorort von Koblenz. Ein wunderschönes Haus, sehr gemütlich, wirklich nett und leider auch ein bisschen am Popo der Welt.

Aber wir leben schließlich im Jahr 2026 und dafür gibt es Uber, dachten wir zumindest. Also öffnete ich die App und ließ Uber suchen. Und suchen. Und noch ein bisschen suchen. Zwischendurch sah es sogar so aus, als würde irgendwo ein Auto existieren, das möglicherweise irgendwann zu uns kommen könnte, dann wieder nicht. Nach ungefähr einer Stunde verzweifelter Versuche erfuhr ich schließlich, dass es in Koblenz überhaupt kein Uber gibt.

Warum die App eine Stunde lang so getan hat, als wäre das durchaus eine realistische Möglichkeit, weiß vermutlich nur Uber. Falls ihr also irgendwann einmal in Koblenz seid, denkt an mich und versucht es einfach gar nicht erst.

Wir gönnten uns schließlich ein Taxi in die Innenstadt, was nicht unbedingt ein Schnäppchen war, und bummelten erst einmal ein bisschen durch die Geschäfte. Eigentlich wollten wir später noch einmal zurück ins Hotel fahren, uns umziehen und anschließend wieder in die Stadt, aber während eines leckeren Mittagessens und mit Blick auf die Verkehrslage entwickelten wir einen wesentlich besseren Plan. Wenn man nämlich nicht zurück ins Hotel fahren kann, um sich umzuziehen, muss man eben neue Kleidung kaufen. Ich finde, das ist ausgesprochen logisch.

Also kaufte ich mir ein neues Kleid und weil das Ganze auch noch ein echtes Schnäppchen war, würde ich sagen, dass wir an dieser Stelle sogar Geld gespart haben. So zumindest meine Rechnung und ich sehe überhaupt keinen Grund, diese noch einmal kritisch zu überprüfen.

Während unseres Mittagessens hatte ich einen schönen Blick auf den Marktplatz und einen Brunnen, und dort ereignete sich plötzlich eines der ersten großen Highlights unseres Wochenendes. Im Brunnen saß nämlich auf einmal eine sehr ansehnliche Dame – und zwar splitternackt.

Nicht etwa, weil ihr bei den Temperaturen spontan zu warm geworden war, sondern weil sie dort ein Aktshooting veranstaltete. Mitten auf dem Platz, am helllichten Tag und vor den Augen von gefühlt Hunderten Menschen, die rundherum in den Restaurants und Cafés saßen und damit unverhofft ein durchaus interessantes Unterhaltungsprogramm zu ihrem Mittagessen bekommen hatten.

Die Dame störte das überhaupt nicht und ihren Fotografen offenbar ebenso wenig. Mindestens zehn Minuten lang wurde im Brunnen posiert, lasziv in die Kamera geschaut, aus dem Brunnen heraus posiert und teilweise auch außerhalb des Brunnens weitergemacht. Ich fand das ausgesprochen selbstbewusst.

Erst als die Polizei auftauchte, die wegen des gleichzeitig stattfindenden Christopher Street Days ohnehin vor Ort war, schien ihr kurz der Gedanke zu kommen, dass ein bisschen weniger Öffentlichkeit vielleicht doch angebracht wäre. Also versteckte sie sich im Brunnen, was allerdings nur teilweise gelang.

Wer jetzt glaubt, sie hätte danach ihre Sachen genommen und wäre geflüchtet, unterschätzt diese Frau gewaltig. Sie kletterte nämlich wieder aus dem Brunnen und posierte einfach weiter. Erst als schließlich auch noch das Ordnungsamt auftauchte, entschied sie offenbar, dass jetzt vielleicht doch der richtige Moment gekommen war, die Veranstaltung zu beenden.

Damit hatten wir bereits wenige Stunden nach unserer Ankunft unser erstes unfreiwilliges Aktshooting erlebt und ich muss sagen, Koblenz gab sich wirklich Mühe, uns davon zu überzeugen, dass die Entscheidung gegen Berlin vollkommen richtig gewesen war.

Danach wurde es für mich persönlich allerdings nicht unbedingt entspannter, denn auf dem Weg zu unserer abendlichen Schifffahrt kam mir die grandiose Idee, dass wir vorher noch mit der Seilbahn fahren könnten.

Die aufmerksamen Leserinnen und Leser unter euch wissen, dass ich in diesem Jahr bereits mit dem London Eye Riesenrad gefahren bin, obwohl ich Höhenangst habe. Außerdem war ich auf der Tower Bridge und bin dort über den Glasboden gelaufen, ebenfalls mit Höhenangst. Beides habe ich überlebt und so erschien es mir nur konsequent, mich als Nächstes in Koblenz in eine kleine Gondel zu setzen und über den Rhein zu schweben.

Während der Hinfahrt habe ich diese Entscheidung kurzfristig bereut, aber da hing ich nun und Umkehren war eher schwierig. Wir kamen trotzdem heil oben an der Festung Ehrenbreitstein an, schauten uns dort ein bisschen um und fuhren anschließend wieder hinunter. Ich glaube inzwischen übrigens nicht mehr, dass ich meine Höhenangst überwinde, sondern ich überprüfe einfach regelmäßig, ob sie noch da ist. Und ich kann euch beruhigen: Sie ist noch da.

Danach folgte eines meiner persönlichen Highlights des Wochenendes, nämlich unsere abendliche Schifffahrt. Fast drei Stunden waren wir auf dem Rhein unterwegs, inklusive Captain's Dinner mit frisch an Bord gegrillten und wirklich sehr leckeren Burgern und natürlich dem einen oder anderen Kaltgetränk. Man muss schließlich ausreichend trinken, wenn es so heiß ist, und in dieser Hinsicht bin ich ausgesprochen verantwortungsbewusst.

Die Musik war halbwegs gut, die Aussicht wunderschön und auch unsere Mitreisenden sorgten für beste Unterhaltung. Da war beispielsweise ein Junggesellenabschied, der allerdings eher an eine Trauergesellschaft erinnerte, und außerdem eine größere Gruppe von Menschen, deren genaue Zusammensetzung und Beziehung zueinander wir während der gesamten Fahrt nicht verstanden haben.

Und dann war da noch eine kleine lustige Frau, die wir an dieser Stelle aus Datenschutzgründen einfach Miriam nennen. Sie war  ausgesprochen gut gelaunt und hatte im Laufe des Abends gefühlt ungefähr zehn Piña Coladas getrunken. Irgendwann beschloss sie, den weiblichen Junggesellenabschied ein bisschen aufzumischen, allerdings wollte der offenbar überhaupt nicht aufgemischt werden.

Das hielt Miriam nicht davon ab, trotzdem Spaß zu haben, und so tanzte sie irgendwann alleine und barfuß auf einer Bank. Wir beobachteten das Ganze mit zunehmender Faszination und waren vor allem beeindruckt davon, wie viele Piña Coladas offensichtlich in einen vergleichsweise kleinen Menschen passen, ohne dass dieser irgendwann über Bord geht.

Überhaupt war es eine wunderschöne Schifffahrt. Wir haben viel geredet, viel gelacht, gegessen, getrunken und einfach eine richtig gute Zeit miteinander gehabt. Und das sind für mich sowieso meistens die schönsten Momente: die, bei denen eigentlich gar nichts Spektakuläres passieren muss und man irgendwann feststellt, dass schon wieder Stunden vergangen sind.

Anschließend ließen wir den Abend noch in einer Bar am Rhein ausklingen, wie es sich für eine Weinregion gehört natürlich bei einem leckeren Weißwein. Danach stellte sich erneut die spannende Frage, wie wir eigentlich zurück zu unserer Unterkunft am Popo der Welt kommen sollten. Uber hatten wir inzwischen innerlich gekündigt und so überzeugten wir einen Taxifahrer davon, uns für einen Festpreis zurückzufahren.

Als wir endlich ankamen, standen unsere Koffer bereits im Zimmer. Wir lüfteten noch ein bisschen, machten uns frisch und fielen anschließend ziemlich selig und ziemlich müde ins Bett.

Leider war die Müdigkeit am nächsten Morgen noch da, aber wir hatten schließlich noch Pläne. Nach einem ausgiebigen Frühstück ging es wieder Richtung Deutsches Eck und dort muss ich euch noch jemanden vorstellen: Kaiser Wilhelm, der ziemlich imposant auf seinem Pferd thront und, wie ich finde, ein bisschen böse schaut.

Also erklärte ich Linus, dass dort der „wütende Kaiser“ sitzt. Linus machte daraus den „wiedischen Kaiser“ - was ich absolut passend und noch amüsanter fand.  Für alle Nicht-Saarländer unter euch sei an dieser Stelle gesagt, dass „wiedisch“ bei uns ungefähr so viel bedeutet wie schlecht gelaunt oder übellaunig. Und wenn man sich Kaiser Wilhelm dort so anschaut, finde ich das eigentlich ziemlich passend. Für uns wird er jedenfalls vermutlich für immer der wiedische Kaiser bleiben.

Zum Mittagessen hatten wir einen Tisch in Gerhards Genuss Gesellschaft direkt am Deutschen Eck reserviert. Falls ihr gerne richtig gut essen geht und auch bereit seid, dafür ein bisschen mehr Geld auszugeben, kann ich euch dieses Restaurant wirklich wärmstens empfehlen. Für uns gab es Rinderfilet und anschließend ein Schokoladendessert namens „Le Knack“, und dieser Name ist absolut verdient. Vermutlich auch deshalb, weil der Kalorienbedarf für einen Tag  bereits nach dem ersten Löffel geknackt wird 🤣  Aber egal. Wir haben es genossen und nicht weiter darüber nachgedacht. 

Eigentlich hatten wir danach noch große Pläne, aber irgendwann mussten wir uns eingestehen, dass wir beide ziemlich müde waren. Es war außerdem sehr warm und plötzlich erschien uns die Vorstellung, zwei Stunden früher nach Hause zu fahren, wesentlich attraktiver als jedes weitere touristische Highlight. Also machten wir genau das, denn man muss schließlich auch wissen, wann es gut ist.

Die Deutsche Bahn belohnte unsere Entscheidung dieses Mal mit lediglich ungefähr 20 Minuten Verspätung, was nach dem bisherigen Verlauf unserer Reise fast schon als Punktlandung durchging. Und so endete ein Wochenende, das eigentlich ganz anders geplant gewesen war.

Berlin haben wir übrigens überhaupt nicht vermisst. Dass Linus und ich eine schöne Zeit miteinander haben können, wussten wir vorher schon, und dass wir diese auch in Koblenz haben können, wissen wir jetzt. Vielleicht war genau das die schönste Erkenntnis dieses Wochenendes. Es ist gar nicht immer entscheidend, wo man ist, sondern viel wichtiger, mit wem man dort ist. Und manchmal ist Plan B eben nicht die schlechtere Version von Plan A, sondern einfach eine völlig andere Geschichte.

In unserem Fall eine Geschichte mit ausgefallenen Zügen, schlechtem Billigkaffee, einer Unterkunft am Popo der Welt, einem Uber, das niemals kommen würde, einem neuen Kleid, einer nackten Frau im Brunnen, meiner nach wie vor zuverlässig vorhandenen Höhenangst, einer wunderschönen Schifffahrt, Miriam und ihren Piña Coladas, sehr gutem Essen und einem wiedischen Kaiser. Und ganz ehrlich: Für eine einzige Übernachtung ist das eine ziemlich ordentliche Ausbeute. Berlin kann also noch ein bisschen warten.

Ich sitze jetzt jedenfalls wieder hier, trinke schon den zweiten Kaffee und bin immer noch ziemlich müde. Was aber auch kein Wunder ist, denn ich bin schließlich nicht mehr jung, ich mache ja nur noch so.

Und irgendwie kann ich mich außerdem noch nicht wirklich dazu durchringen, meinen Rechner aufzuklappen und meinen Arbeitstag im Homeoffice zu beginnen. Aber ich fürchte, auch dafür gibt es kein Uber und deshalb werde ich es wohl gleich selbst tun müssen. Während ich mich sehr darüber freue, dass ich erst am nächsten Wochenende wieder jung sein muss 🤣

Habt einen schönen Montag und kommt gut in die neue Woche. ❤️

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