Bitte aussteigen ...

Veröffentlicht am 18. August 2026 um 07:18

Guten Morgen liebe Leserinnen und liebe Leser 🩷 Auf der Lieblingsbank ist es gerade angenehm kühl und ich genieße diesen Zustand sehr. Die letzten Tage haben mich ganz schön geschlaucht und deshalb stand mein  Montag ein bisschen im Zeichen des Wundenleckens.

Ich war müde, ziemlich platt und hätte vermutlich problemlos einen ganzen Tag damit verbringen können, sehr beschäftigt auszusehen, während ich eigentlich gar nichts tue. Stattdessen habe ich brav meinen Arbeitstag absolviert und mich anschließend sogar noch ein bisschen im Garten betätigt. Efeu und Wein schneiden, hier und da eine Hecke stutzen und zumindest den Eindruck erwecken, ich hätte mein Leben vollständig im Griff.

Den Nachmittag hatte ich mit meinen Eltern verbracht und den Abend habe ich schließlich dort ausklingen lassen, wo viele meiner Gedanken anfangen und manche auch enden: auf meiner Lieblingsbank. Mit Musik. Und vielleicht war es genau die richtige Musik zur richtigen Zeit, denn irgendwann musste ich an eine Geschichte denken, die ich vor vielen Jahren einmal geschrieben habe.

Damals ging es um einen Menschen, der mir sehr wichtig gewesen war, und um die Erkenntnis, dass Nähe allein manchmal nicht ausreicht, damit zwei Menschen dauerhaft denselben Weg gehen. Ich hatte diese Geschichte damals vor allem deshalb geschrieben, weil ich eines nicht wollte: bitter werden.

Denn Abschiede haben eine ziemlich unangenehme Eigenschaft. Sie schaffen es gelegentlich, sich vor all das Schöne zu drängeln, was vorher gewesen ist. Plötzlich schaut man auf Enttäuschungen, auf das, was gefehlt hat, auf Dinge, die man sich anders gewünscht hätte, und vergisst dabei beinahe, dass es vorher vielleicht sehr viele gute Momente gab. Und genau daran musste ich gestern denken

"Der Zug des Lebens"

Das Leben ist wie eine Zugfahrt mit all den Haltestellen, Umwegen, Zwischenstopps, Freuden und Leid. Wir steigen ein, treffen die Menschen, die wir lieben, die uns lieben und auch Menschen, die einfach nur mitfahren wollen. Bei manchen wünschen wir uns, dass sie für immer mitfahren mögen, bei anderen, dass sie schnell wieder aussteigen. Doch der Zug des Lebens hält Überraschungen für uns bereit. 

Viele Mitreisende werden uns eine zeitlang begleiten und wieder aussteigen. Manche steigen erst später dazu und wir wünschen uns, sie wären früher eingestiegen. Andere müssen viel zu früh wieder aussteigen und hinterlassen eine große Leere. Bei anderen werden wir gar nicht merken, dass sie ausgestiegen sind. Es ist eine Reise voller Freuden, Leid, Begrüßungen und Abschieden.

Der Sinn der Fahrt besteht darin: die Reise mit jedem Mitreisenden zu genießen, eine Beziehung aufzubauen, die die gemeinsame Reise erst ermöglicht. Und jedem Mitreisenden dankbar zu sein für das, was er ist: ein Begleiter auf der Reise unseres Lebens - auch wenn es nur für einen Abschnitt ist. 

Das spannende Rätsel an unserer Zugfahrt ist: Wir wissen nie, wer an welcher Haltestelle aussteigen muss oder will. Und wann wir selbst aussteigen müssen. Deshalb müssen wir leben, lieben, verzeihen und immer das Beste geben. Denn wenn der Moment gekommen ist, wo wir aussteigen müssen und unser Platz leer ist, sollen nur schöne Gedanken an uns bleiben und für immer im Zug des Lebens weiter reisen

Eine schöne Geschichte, oder? Ich möchte jedoch noch etwas ergänzen:

Natürlich sollten wir stets bemüht sein,  gute Beziehungen zu unseren Mitreisenden aufzubauen und diese auch zu erhalten. Allerdings bin ich der Meinung, dass wir die Passagiere, die aus dem Zug unseres Lebens aussteigen wollen auch nicht daran hindern sollten. Denn wie heißt es so schön? Reisende soll man nicht aufhalten...Wenn also einem Passagier die Aussicht, die Richtung oder das Ziel im Zug unseres Lebens nicht gefallen und er deshalb aussteigen möchte, dann sollte er das tun. Und wir sollten ihm eine gute Weiterfahrt wünschen. Und uns für den gemeinsamen Teil der Reise bedanken.

Wir sollten deshalb nie unsere Richtung ändern - und das kann der Zug ja auch nicht. Denn es ist unser Leben und unser Ziel. Und auch wenn das vielleicht traurig ist - manche Menschen fahren eben nicht bis zum Ende mit. Manche Menschen begleiten uns nur auf einem Teil unserer Reise. Und dabei waren sie wertvoll und wir sollten ihnen beim Abschied dafür danken. 

Und ich habe dazu gleich noch ein sehr passendes Zitat von Mark Twain: "Man ist nicht enttäuscht von dem, was ein anderer tut (oder nicht tut), sondern nur über die eigene Erwartung an den anderen."

Ich mag diesen Gedanken heute noch genauso sehr wie damals. Vielleicht sogar ein bisschen mehr. Denn manchmal misst man die Bedeutung eines Menschen daran, ob er bleibt. Dabei ist das eigentlich ein ziemlich unfairer Maßstab. Ein Mensch kann nur ein kleines Stück unseres Lebens mit uns fahren und trotzdem etwas hinterlassen, das bleibt. Erinnerungen, Gespräche, Lachen, besondere Augenblicke oder vielleicht auch Erkenntnisse über uns selbst, die wir ohne diese Begegnung niemals gehabt hätten.

Und manchmal kommt eben eine Station, an der sich Wege trennen. Vielleicht steigt der andere aus. Vielleicht steigen wir selbst aus. Vielleicht merkt man auch irgendwann, dass man zwar noch im selben Zug sitzt, aber längst nicht mehr dasselbe Ziel hat. Das macht die gemeinsame Strecke nicht wertlos.

Ich glaube sogar, dass genau darin eine der schwierigeren Aufgaben im Leben liegt: etwas loszulassen, ohne es im Nachhinein schlecht machen zu müssen. Nicht jede Geschichte braucht einen Bösewicht, damit sie enden darf. Nicht alles, was einmal richtig war, muss für immer richtig bleiben. Und nicht jeder Mensch, den wir irgendwann verabschieden, war deshalb ein Fehler. Manchmal war er einfach ein Mitreisender. Vielleicht sogar ein sehr besonderer.

Und dann darf man traurig darüber sein, dass diese gemeinsame Fahrt zu Ende geht. Man darf enttäuscht sein, vielleicht auch ein bisschen wütend, und man darf sich wünschen, dass manches anders gelaufen wäre. Aber irgendwann darf man auch zurückschauen und sagen: Es war eine schöne Strecke. Danke dafür.

Ich glaube, genau das ist mir wichtig: Nicht bitter zurückzubleiben, sondern dankbar für das zu sein, was gut war. Für gemeinsame Kilometer, für Umwege, für ziemlich schöne Aussichten und vielleicht sogar für die eine oder andere Vollbremsung, die man gemeinsam überstanden hat.

Und dann sitzt man irgendwann wieder am Fenster, schaut hinaus und stellt fest, dass der Zug weiterfährt. Man weiß noch nicht genau, wer an der nächsten Station einsteigt, wie lange jemand bleibt oder wohin die Reise überhaupt noch führt. Aber vielleicht muss man das auch gar nicht wissen. Manchmal reicht es, seinen Kaffee zu nehmen, sich einen Platz am Fenster zu suchen und weiterzufahren.

Habt einen schönen Dienstag. ❤️

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