„Nicht alles, was älter wird, verblüht. Manches braucht nur den richtigen Moment, um wieder aufzublühen.“
Guten Tag liebe Leserinnen und liebe Leser 🩷 Nach einer kurzen Nacht sitze ich wieder hier auf meiner Lieblingsbank und stelle fest, dass Zeit schon eine ziemlich merkwürdige Angelegenheit ist.
Im Garten kann man ihr ja förmlich dabei zuschauen, wie sie vergeht. Gerade eben hat man noch sehnsüchtig auf die ersten Blüten gewartet, plötzlich ist Ende August, einiges ist verblüht, anderes steht noch in voller Pracht und irgendwo dazwischen sitzt man selbst und wundert sich, wo eigentlich die letzten Monate geblieben sind.
Mit dem eigenen Alter verhält es sich ähnlich, allerdings gibt es da glücklicherweise ein paar Möglichkeiten, der Natur ein klein wenig ins Handwerk zu pfuschen. Zum Beispiel Haarfarbe.
Bevor ich gestern zum Open-Air-Konzert der Toten Hosen aufgebrochen bin, habe ich nämlich zunächst dafür gesorgt, dass zumindest auf meinem Kopf möglichst wenig darauf hindeutet, dass ich vielleicht doch nicht mehr ganz 25 bin.
Graue Haare sind aus meiner Sicht schließlich etwas, das in der heutigen Zeit nicht zwingend sein muss, und nachdem diese beseitigt waren, ich mich ein bisschen zurechtgemacht und schließlich meine Hosen-Kluft angezogen hatte, fühlte ich mich durchaus gewappnet für einen Nachmittag und Abend, von dem ich mir vorgenommen hatte, mich innerhalb kürzester Zeit wieder ziemlich jung zu fühlen.
Und was soll ich sagen? Es hat funktioniert. Sogar ausgesprochen gut. Petrus war uns wohlgesonnen, die Wechselschuhe waren eingepackt und damit waren eigentlich schon einmal die wichtigsten Voraussetzungen erfüllt. Wir machten uns mit zwei Autos auf den Weg und unterwegs erreichte mich eine WhatsApp-Nachricht einer ehemaligen Berufsschulkameradin, die mir anbot, direkt vor ihrer Haustür zu parken. Und ihre Haustür befindet sich praktischerweise ziemlich nah am Festivalgelände.
Bei rund 25.000 Menschen, die sich auf den Weg in einen Ort mit ungefähr 1.200 Einwohnern machen, ist ein privater Parkplatz in unmittelbarer Nähe vermutlich ungefähr so viel wert wie ein Sechser im Lotto. Während also später andere noch darauf warteten, überhaupt von irgendwelchen Parkplätzen herunterzukommen, konnten wir nach dem Konzert ganz entspannt wieder nach Hause fahren.
Vorher allerdings traf ich meine ehemalige Berufsschulfreundin tatsächlich wieder. Nach ungefähr 25 Jahren... wobei es sich überhaupt nicht so angefühlt hat, als würde ein Vierteljahrhundert zwischen der letzten und dieser Begegnung liegen. Was ich definitiv als gutes Zeichen werte ❤️
Und als wäre das nicht schon genug Erinnerung daran gewesen, wie unglaublich schnell die Zeit vergeht, begegnete mir auf dem Fesrivalgelände dann außerdem noch ein ehemaliger Schulkamerad aus meiner Grundschulzeit. Das dürfte inzwischen knapp 40 Jahre her sein... Aber darüber möchten wir an dieser Stelle bitte nicht weiter nachdenken. Schließlich hatte ich mir gerade erst die grauen Haare weggefärbt und erfolgreich eingeredet, dass ich noch ziemlich jung bin. Da braucht wirklich niemand mit Mathematik anzufangen.
Spätestens als die Toten Hosen auf der Bühne standen, war das ohnehin vollkommen egal. Die Stimmung war genauso, wie ich sie mir gewünscht hatte. Vielleicht sogar noch ein bisschen besser. Ich habe sehr laut gesungen, die Menschen um mich herum ebenfalls, und irgendwann stellt man fest, dass viele Menschen, die gleichzeitig schief singen, gemeinsam schon fast wieder ziemlich gut klingen.
Vermutlich liegt genau darin überhaupt eines der Geheimnisse des Lebens: Man muss nicht alles perfekt können. Manchmal reicht es vollkommen, wenn man Spaß dabei hat. Und den hatten wir definitiv.
Natürlich gab es gestern auch Lieder, die für mich mehr sind als einfach nur Musik. „Alles aus Liebe“ gehört dazu. Und dieses Lied konnte ich ausgerechnet mit dem Menschen gemeinsam singen, mit dem ich es am allerliebsten tue: mit meiner Schwester. ❤️ Es gibt Momente, die muss man gar nicht groß erklären. Man weiß einfach, dass man sie irgendwann vermissen würde, wenn man sie nicht erlebt hätte.
Und dann kam tatsächlich auch noch „Alles passiert“. Ein trauriges Lied, das für mich eine ganz besondere Bedeutung hat und das live gar nicht so häufig gespielt wird. Gestern war es dabei. Manchmal erwischt einen Musik ja an Stellen, von denen man vorher gar nicht wusste, dass sie noch empfindlich sind. Und manchmal ist das auch völlig in Ordnung. Dann singt man eben weiter, vielleicht ein bisschen anders als beim Lied davor, und irgendwann steht man wieder mitten zwischen all den Menschen und merkt, dass genau das zum Leben dazugehört.
Und das ist für mich das Schöne an solchen Abenden: Für ein paar Stunden spielen Zeit und Alter keine besonders große Rolle. Man erinnert sich an früher, ist gleichzeitig vollkommen im Jetzt und freut sich auf das, was noch kommt.
Und damit wären wir wieder beim Garten. Auch dort bedeutet älter werden schließlich nicht automatisch schlechter werden. Ein Garten verändert sich mit jedem Jahr. Manche Pflanzen verschwinden, andere kommen dazu, einige brauchen Zeit, bis sie endlich dort angekommen sind, wo sie hingehören, und wieder andere werden mit jedem Jahr schöner. Rosen beispielsweise. Und damit komme ich zu Rosemarie.
Meine Mama hat nämlich morgen Geburtstag und wird – zumindest behauptet das Geburtsdatum – wieder ein Jahr älter. Ich persönlich halte das für eine ziemlich theoretische Angelegenheit, denn sie wird morgen und übermorgen noch genauso wunderbar sein wie heute.
Dass meine Mama ausgerechnet Rosemarie heißt, passt natürlich hervorragend in eine Gartengeschichte. Bei Rosen denkt man schließlich an Schönheit, Widerstandsfähigkeit und gelegentlich auch an Dornen. Wobei ich meiner Mama Letzteres nur sehr bedingt zuschreiben würde. Sie ist einer der fröhlichsten, herzlichsten und wunderbarsten Menschen, die ich kenne, und ich bin unendlich dankbar dafür, dass sie meine Mama ist.
Das wissen die aufmerksamen Leserinnen und Leser unter euch längst. Aber manche Dinge kann und sollte man ruhig häufiger sagen.
Morgen feiern wir ihren Geburtstag dieses Mal nur im engsten Kreis und auch nicht besonders lange. Nicht etwa, weil wir plötzlich vernünftig geworden wären, sondern weil ich anschließend schon wieder meinen Koffer ins Auto werfen und Richtung Düsseldorf fahren werde.
Damit endet dann ziemlich abrupt meine zuletzt ausgesprochen entspannte Ich-mache-möglichst-wenig-Phase und es beginnt wieder eine kleine Deutschlandreise. Bis Donnerstag werde ich voraussichtlich in Düsseldorf sein, dienstlich unterwegs, mit einem Seminar, auf das ich mich tatsächlich sehr freue. Außerdem werde ich dort meine Freundin wiedersehen, sodass auch diese Reise neben Arbeit wieder ein bisschen Leben bereithält.
Heute sitze ich deshalb zwischen all diesen Dingen. Ein bisschen müde vom gestrigen Konzert, sehr glücklich darüber, dort gewesen zu sein, gedanklich schon bei Mamas Geburtstag und gleichzeitig dabei, im Kopf die Liste der Dinge durchzugehen, die ich erledigen sollte, bevor ich wieder losfahre. Und vielleicht ist das am Ende auch gar nicht so weit entfernt von meinem Garten.
Dort steht schließlich auch nie alles still. Während die eine Pflanze gerade verblüht, fängt irgendwo eine andere erst an. Man verabschiedet sich von etwas und freut sich gleichzeitig schon auf das Nächste. Und manchmal stellt man plötzlich fest, dass all diese Übergänge gar keine richtigen Abschiede sind.
Gestern Abend jedenfalls war keiner. Denn im nächsten Jahr werde ich die Toten Hosen wieder live sehen. Und deshalb war das gestern kein Lebewohl, sondern lediglich ein ziemlich lautes, ziemlich schief gesungenes und wunderschönes:
Auf Wiedersehen. Die Zeit mit euch war wunderschön. ❤️
Ich wünsche euch einen wunderschönen Sonntag und verabschiede mich vorsorglich mal für ein paar Tage. Passt gut auf euch auf 🫶
Kommentar hinzufügen
Kommentare