Der Schuppen des Todes...

Veröffentlicht am 27. Oktober 2026 um 07:36

„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, die Tür trotzdem zu öffnen.“

Guten Morgen liebe Leserinnen und liebe Leser 🩷 Bestimmt kennt ihr das... Es gibt Dinge, von denen man ganz genau weiß, dass man sie irgendwann erledigen muss. Man schiebt sie vor sich her, ignoriert sie mit bemerkenswerter Konsequenz und hofft insgeheim, dass sie sich vielleicht irgendwann von alleine erledigen.

Bei mir gibt es so etwas und es hat sogar eine eigene Tür. Die ich jetzt gemeinsam mit euch öffnen werde. Aber nur, wenn ihr heute ebenfalls einen mutigen Tag habt. Ansonsten solltet ihr genau jetzt das Handy weglegen... 

Okay, ihr seid also noch da. Dann heiße ich euch jetzt...herzlich willkommen im ... Schuppen des Todes.

Stellt euch bitte folgende Szene vor. Ein ganz normaler Montag im Soutyhof. Die Sonne zeigt sich gelegentlich, es regnet ausnahmsweise nicht und eine nicht mehr ganz so junge Frau steht vor einem relativ unscheinbaren Gartenschuppen. Ihr Blick ist voller Angst und sie ist bewaffnet... mit einem Besenstiel, Handschuhen, Mütze und ... einer gehörigen Portion Selbstüberschätzung. 

Hinter ihr liegen einige Termine und vor ihr eine Aufgabe, deren Ausmaß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ansatzweise erahnt. Die Musik wird bedrohlich. Irgendwo krächzt eine Krähe. Die Kamera fährt langsam auf die Schuppentür zu...Schnitt... und im Film würde man jetzt denken: Lass das, dreh dich um und lauf weg... aber hier geht der Horror weiter...

Vielleicht sollte ich euch an dieser Stelle allerdings kurz erklären, warum mein Schuppen überhaupt diesen Namen trägt... Er wird schon seit ziemlich langer Zeit nach einem ganz besonderen Ordnungssystem bewirtschaftet. Ein System, das ich über die Jahre perfektioniert habe und das sich am besten mit den Worten „bloß nicht reingehen“ beschreiben lässt.

Benötige ich etwas aus dem Schuppen, öffne ich die Tür äußerst vorsichtig, bleibe grundsätzlich außerhalb der Gefahrenzone und versuche, den gewünschten Gegenstand mithilfe eines Besenstiels irgendwie in meine Richtung zu ziehen. Das erfordert Geduld, Geschicklichkeit und manchmal erstaunlich gute Kenntnisse in angewandter Physik.

Beim Einräumen funktioniert das Ganze übrigens umgekehrt. Tür auf, Gegenstand reinschieben, Tür zu. Wenn etwas nicht hineinpasst, wird nachgedrückt. Irgendwo wird sich schon eine Lücke auftun. Ich nenne das dynamische Lagerhaltung. Andere Menschen würden vermutlich von einer mittelschweren Katastrophe sprechen. Aber andere Menschen müssen schließlich auch nicht in meinem Schuppen wohnen. 🤣

Nun steht allerdings der Winter vor der Tür, und ich möchte im Garten nach und nach alles winterfest machen. Gartenmöbel, Stühle, allerlei Gerätschaften und Dinge, die momentan noch draußen im Regen stehen, brauchen ein trockenes Plätzchen. Und so kam ich gestern zu der ebenso mutigen wie vollkommen unvernünftigen Entscheidung, im Schuppen aufzuräumen.

Ich weiß... Manchmal frage ich mich selbst, was eigentlich mit mir nicht stimmt. Aber hilft ja nix.  Also habe ich mich zunächst ausgerüstet. Lange Kleidung, Handschuhe, möglichst wenig unbedeckte Haut und natürlich mein treuer Besenstiel..Ich sah vermutlich aus wie eine Mischung aus Kammerjägerin, Tatortreinigerin und einer Frau, die sich auf einen Einsatz in einem radioaktiv verseuchten Gebiet vorbereitet.

Dann öffnete ich die Tür...Langsam... Ganz langsam. Was dahinter zum Vorschein kam, hätte vermutlich selbst Stephen King dazu veranlasst, sich einen anderen Drehort zu suchen. Spinnweben. Überall Spinnweben. Tonnenweise Spinnweben... Sie hingen von der Decke, spannten sich zwischen den Wänden, verbanden Gegenstände miteinander und bildeten ein undurchdringliches Netzwerk, das vermutlich bereits über Monate, wenn nicht Jahre entstanden ist. 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass dort inzwischen ganze Generationen von Spinnen leben. Mit eigenen Familien, Grundbucheinträgen und möglicherweise sogar einer funktionierenden Hausverwaltung. Und mittendrin stand... ich. Mit meinem Besenstiel. Gegen eine Übermacht. 🕷️

Vorsichtig begann ich, die ersten Gegenstände herauszuziehen. Wobei „herausziehen“ in diesem Zusammenhang ein ziemlich harmloses Wort ist. Tatsächlich war es eher eine Mischung aus Angeln, Ringen und dem verzweifelten Versuch, nicht versehentlich eine Lawine aus Gartengeräten auszulösen. Immer wieder blieb etwas hängen. Irgendetwas fiel um. Und ständig hatte ich das unangenehme Gefühl, dass mir gerade etwas über die Schulter krabbelte.

Natürlich war da nichts. Zumindest hoffe ich das immernoch sehr... Besonders beeindruckend war übrigens auch der Fußboden. Dort hatte sich inzwischen eine beachtliche Menge Grassamen angesammelt. Offenbar hatte eine Tüte meine ausgeklügelte Rein-und-Raus-Schiebetechnik nicht besonders gut verkraftet und irgendwann beschlossen, ihren Inhalt großzügig auf dem gesamten Boden zu verteilen.

Ich könnte dort also wahrscheinlich problemlos eine Wiese anlegen. Vielleicht sogar einen kleinen englischen Rasen. Wobei ich dann natürlich regelmäßig in den Schuppen müsste, um ihn zu mähen. Und das wäre nun wirklich ein Schritt zu weit.

Irgendwann hatte ich tatsächlich ein bisschen Platz geschaffen, einige Dinge sortiert und sogar den Boden stellenweise wiederentdeckt. Ein historischer Moment und ich war kurz davor, mich selbst für eine Tapferkeitsmedaille vorzuschlagen.

Doch dann fiel mein Blick hinter den Schuppen. Denn dort lagen noch die großen Plastikabdeckungen, mit denen ich meine Sonnenschirme, Gartenmöbel und Stühle vor dem Winter schützen wollte. Sie lagen dort schon ziemlich lange. Sehr lange. Lange genug jedenfalls, um unter und zwischen den Abdeckungen ein offenbar äußerst lebendiges Biotop entstehen zu lassen.

Und so begann der zweite Teil meines ganz persönlichen Horrorfilms. Die Rückkehr der Plastikplanen.

Ich zog an der ersten Abdeckung und stellte sofort fest, dass ich ganz offensichtlich nicht die Einzige war, die diesen Platz für eine gute Idee hielt. Überall krabbelte und bewegte sich etwas. Kleine Tierchen flüchteten in sämtliche Himmelsrichtungen, und ich stand mittendrin und versuchte gleichzeitig, die Planen auseinanderzuziehen, meine Würde zu bewahren und möglichst nicht laut zu kreischen.

Was mir nicht in allen Punkten gleichermaßen gut gelungen ist. 🤣. Zwischendurch habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, die Gartenmöbel einfach ungeschützt draußen stehen zu lassen. So ein bisschen Regen hat schließlich noch niemandem geschadet. Jedenfalls keinem Gartenstuhl.

Aber ich hatte nun einmal angefangen. Und wer mich kennt, weiß, dass ich in solchen Situationen leider zu einer gewissen Sturheit neige. Also weiter. Ziehen, schütteln, zusammenlegen, abdecken. Immer schön darauf achten, dass man sich nicht versehentlich einen achtbeinigen Untermieter mit in die Jacke steckt.

Irgendwann war es dann tatsächlich geschafft. Die Sonnenschirme waren eingepackt, die Gartenmöbel geschützt, die Stühle abgedeckt und im Schuppen konnte man sich zumindest wieder ein kleines bisschen bewegen, ohne sofort einen lebensgefährlichen Erdrutsch auszulösen. Von Ordnung würde ich jetzt noch nicht unbedingt sprechen. Aber immerhin kann man die Tür inzwischen öffnen, ohne unmittelbar um sein Leben fürchten zu müssen. Das ist doch schon mal etwas.

Vollkommen erledigt, aber ausgesprochen zufrieden habe ich mein Werk betrachtet und hatte nur einen Gedanken:  Ich habe überlebt. Die Spinnen vermutlich ebenfalls. Und wenn wir ehrlich sind, ist das unter diesen Umständen doch ein wirklich erfreuliches Ergebnis. 🤣

Ansonsten war es übrigens ein ganz normaler Montag mit einigen Terminen und erstaunlich angenehmem Wetter. Lieber Petrus, ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich festhalten, dass ich durchaus bemerkt habe, dass es gestern ausnahmsweise nicht geregnet hat. Ich bin beeindruckt. Wirklich. Vielleicht können wir dieses völlig überraschende Ereignis ja gelegentlich wiederholen. Wäre nett.

Heute geht meine Mission Schuppen des Todes jedenfalls voraussichtlich in die zweite Runde. Ein bisschen muss noch geräumt, sortiert und geschoben werden, bevor ich das Kapitel endgültig für diesen Winter schließen kann. Ich hoffe sehr, dass die Bewohner des Schuppens inzwischen ihre Sachen gepackt haben und sich eine andere Unterkunft suchen.

Wobei ich mir da keine allzu großen Hoffnungen mache. Vielleicht haben sie ja inzwischen einen Beschwerdebrief an mich verfasst. Wegen Ruhestörung, Hausfriedensbruch und unerlaubter Umgestaltung ihres Lebensraums.

Ich werde jedenfalls vorsichtshalber wieder meine Handschuhe anziehen und den Besenstiel mitnehmen. Und wer weiß... vielleicht bekomme ich ja Unterstützung von einem Helden ohne Pferd, dafür aber mit Staubsauger?🤣

In diesem Sinne wünsche ich euch einen wunderschönen Dienstag. Und falls ihr heute irgendwo eine Tür öffnen müsst, hinter der euch möglicherweise das Grauen erwartet, denkt an mich. Es gibt vermutlich kaum etwas Befriedigenderes, als sich endlich einer Aufgabe zu stellen, die man schon ewig vor sich hergeschoben hat. Außer vielleicht die Erkenntnis, dass man anschließend wieder sehr lange nicht in diesen Schuppen hineinmuss.

Denn eines steht fest: Manche Abenteuer beginnen mit einem mutigen ersten Schritt. Meine beginnen mit einem Besenstiel. 🤣 ❤️

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