Waltzing Mathilda 🩷

Veröffentlicht am 29. September 2026 um 08:15

Guten Morgen, liebe Leserinnen und liebe Leser 🩷 Wisst ihr noch, was ihr am 28. September 2015 gemacht habt? Ich weiß es tatsächlich noch ziemlich genau. Zumindest an einen ganz besonderen Teil dieses Tages kann ich mich bis heute sehr gut erinnern...

Gestern, genau elf Jahre später, musste ich wieder daran denken. Denn auch wenn es auf den ersten Blick ein ganz normaler  Montag mit Arbeit, Terminen und Alltag war, war es eben doch ein besonderer. Mein jüngstes Patenkind Mathilda hatte Geburtstag. Und damit sind wir wieder beim 28. September 2015.

An diesem Tag wurde mein drittes und letztes Patenkind geboren. Was ich vorher gemacht habe oder wie das Wetter war, weiß ich heute tatsächlich nicht mehr. Aber an einen Moment erinnere ich mich so genau, als wäre er gestern gewesen

Ich kam damals ins Krankenhaus und meine Schwester lag mit diesem winzig kleinen Mädchen im Bett. Natürlich war ihr die Geburt noch anzusehen, aber mindestens genauso deutlich war dieses überglückliche Strahlen in ihrem Gesicht. Sie sagte einfach: „Setz dich zu uns“, und genau das habe ich gemacht. Ich kuschelte mich zu ihr ins Bett, nahm meine Schwester in den Arm und irgendwo zwischen uns lag dieses kleine neue Menschlein, das gerade erst auf dieser Welt angekommen war.

Meine Schwester und mich verbindet eine ganz besonders innige Beziehung. Wir haben unsere Kindheit miteinander verbracht, sind gemeinsam erwachsen geworden und ich habe sie sehr, sehr lieb. Vor Mathilda durfte ich bereits die Geburten ihrer beiden Söhne miterleben, die ebenfalls meine Patenkinder sind. Auch bei ihnen gab es diese ersten Momente, die man offenbar nie wieder so ganz vergisst.

Treue Leserinnen und Leser wissen vermutlich, dass ich selbst keine Kinder habe. Das war eine bewusste Entscheidung, die ich bis heute nicht bereut habe. Und wenn ich darüber nachdenke, haben meine drei Patenkinder daran wahrscheinlich einen ziemlich großen Anteil.

Durch sie durfte ich so vieles von dem erleben, was Kinder mit ins Leben bringen: sie aufwachsen sehen, mit ihnen lachen und feiern, Quatsch machen, stolz sein, mir Sorgen machen und immer wieder einigermaßen fassungslos feststellen, wie aus kleinen Menschen plötzlich ziemlich große werden. Aber zurück in dieses Krankenhauszimmer vor elf Jahren...

Irgendwann wollte meine Schwester ins Bad und gab mir Mathilda in den Arm. Und dann waren wir plötzlich ganz allein. Das Zimmer war nur schwach beleuchtet, auf meinem Handy lief „Waltzing Matilda“ – welches Lied hätte in diesem Moment auch sonst laufen sollen? – und ich hielt sie ganz nah an meinem Herzen.

Falls ich irgendwann einmal erklären müsste, wie sich vollkommenes Glück anfühlt, würde ich vermutlich versuchen, genau diesen Moment zu beschreiben. Und vermutlich würde ich daran scheitern, denn es gibt Gefühle, für die unsere Sprache offenbar einfach zu klein ist.

All diejenigen unter euch, die selbst ein Kind haben oder einen Menschen in ihrem Leben, den sie von ganzem Herzen lieben, können sich wahrscheinlich trotzdem vorstellen, was ich meine. Ich weiß nur noch, dass ich Mathilda im Arm hielt und dachte, dass es kaum etwas Schöneres geben kann. Und wenn sich das schon so anfühlt, wenn es nicht das eigene Kind ist, kann ich zumindest ein kleines bisschen erahnen, was es bedeutet, sein eigenes Kind zum allerersten Mal im Arm zu halten.

Aus diesem winzigen Bündel wurde irgendwann ein kleines Mädchen, bei dem Rosa und Pink durchaus zur angemessenen Grundausstattung des Lebens gehörten. Und wir hatten immer verdammt viel Spaß miteinander. Inzwischen durfte ich bei ziemlich vielen kleinen und großen Stationen an ihrer Seite sein: Weihnachten und Geburtstage, Kindergarten, diverse Godétage, Einschulung und Kommunion und erst vor Kurzem die Einschulung aufs Gymnasium.

Und dann gab es in diesem Sommer einen Moment, bei dem mir damals noch gar nicht bewusst war, wie sehr er einem anderen in meinem Leben ähnelte.

Wir waren gemeinsam am Meer und sind sehr früh aufgestanden, um den Sonnenaufgang anzuschauen. Nur wir beide. Es war noch dunkel, Mathilda saß vor mir und wir schauten aufs Meer und warteten darauf, dass es langsam heller wurde und die Sonne irgendwann am Horizont auftauchte.

Eigentlich war alles ganz anders als damals und gleichzeitig war es fast genauso. Wieder war es dunkel. Wieder waren wir für einen Moment ganz allein. Und wieder war Mathilda ganz nah bei mir.

Nur dass ich dieses Mal kein neugeborenes Mädchen im Arm hielt, sondern mein inzwischen fast elfjähriges Gänseblümchen vor mir saß. Statt in einem halbdunklen Krankenhauszimmer saßen wir am Meer, am Anfang eines neuen Tages, und sahen gemeinsam dabei zu, wie es langsam hell wurde.

Fast elf Jahre lagen zwischen diesen beiden Momenten. Aus dem kleinen Mädchen war längst ein Mädchen mit einem eigenen Kopf, weniger rosa, eigenen Gedanken, ihrem ganz eigenen Humor und dieser ganz besonderen Art geworden, die eben Mathilda ist.

Vielleicht berührt mich die Erinnerung an diesen Sonnenaufgang heute auch deshalb noch einmal ganz anders. Damals hielt ich ein kleines Mädchen im Arm, das gerade erst das Licht der Welt erblickt hatte. Und fast elf Jahre später saß ich mit genau diesem Mädchen am Meer und sah mit ihr gemeinsam dabei zu, wie ein neuer Tag begann.

Dazwischen liegt ein ziemlich großes Stück Leben, das ich begleiten durfte. Und ja, vielleicht bin ich aus diesem Grund heute ein bisschen sentimental. Aber ich finde, an einem solchen Tag darf man das auch sein.

Denn Liebe braucht nicht zwingend denselben Nachnamen. Sie braucht auch keine vorgeschriebene Rolle und offenbar nicht einmal die biologische Verbindung zwischen Eltern und Kind. Manchmal bekommt man einen kleinen Menschen einfach ins Leben geschenkt und darf ihn ein Stück begleiten. Und irgendwann stellt man fest, dass dieser kleine Mensch längst einen ziemlich großen Platz im eigenen Herzen eingenommen hat.

Gestern haben wir also ihren elften Geburtstag gefeiert. Fast alle hatten vorher gearbeitet, hatten Termine und wie das bei Familienfeiern mit vielen Menschen nun einmal so ist, war es zwischendurch wuselig und ein bisschen hektisch. Und irgendwann war dieser besondere Tag auch schon fast wieder vorbei.

Als ich später im Auto saß und nach Hause fuhr, habe ich „Waltzing Matilda“ gehört. Und während das Lied lief, war dieses Bild plötzlich wieder da: meine Schwester mit ihrem glücklichen Strahlen, das halbdunkle Krankenhauszimmer und Mathilda ganz nah an meinem Herzen.

Elf Jahre später ist aus diesem kleinen Wesen ein großartiges Mädchen geworden. Und Licht hat sie damals nicht nur erblickt. Sie bringt selbst welches mit. Von innen und von außen.

Ich wünsche dir ein glückliches neues Lebensjahr, mein Gänseblümchen. Wie schön, dass es dich gibt. Und wie unfassbar schön, dass ich deine Godé sein darf.

Und euch, liebe Leserinnen und liebe Leser... wünsche ich einen schönen Dienstag und verabschiede mich für den Rest der Woche. Morgen starte ich ins Schwabenland und melde mich am Wochenende wieder... passt gut auf euch auf 🫶

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.

Erstelle deine eigene Website mit Webador