Groß-artig 💜

Veröffentlicht am 4. Oktober 2026 um 09:52

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser 💛 Im Moment gibt es vom Garten nicht viel zu berichten. Die Erntezeit ist vorbei, es gibt wenig zu tun und ich erfreue mich täglich an dem wunderschönen Farbenspiel der Blätter und Pflanzen. Und dank Petrus kann ich das Ganze bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen genießen 🥰

Olga ist munter, Flora übrigens auch und es verirren sich immernoch ein paar Bienchen zu mir. Alles in Allem ist es also so, wie es sein sollte. Mit der Ausnahme, dass ich nicht viel vom Garten erzählen kann. Was allerdings nicht heißt, dass ich nichts zu erzählen habe. Im Gegenteil - ich habe viele Gedanken im Kopf und ein paar davon möchte ich mit euch teilen. 

Vorab bitte ich die männlichen Leser um Nachsicht. Denn heute geht es hauptsächlich um das weibliche Geschlecht. Um die Frauen, die hier mitlesen und vor allem um die, die überhaupt nicht wissen, wie toll sie sind.

Ich habe in den vergangenen Tagen viele Gespräche geführt. Mit tollen Frauen. Mit klugen, starken, lustigen, erfolgreichen und warmherzigen Frauen, die mitten im Leben stehen, schon einiges erlebt haben, Verantwortung tragen, für andere da sind, Krisen überstehen, arbeiten, organisieren, trösten, lieben, lachen und weitermachen.

Frauen, bei denen ich manchmal dasitze und denke: Meine Güte, bist du toll. Und dann erzählen genau diese Frauen mir, was alles nicht toll an ihnen ist. Der Bauch gefällt nicht, die Beine könnten anders sein, das Gewicht sowieso. Zu alt, zu dick, zu laut, zu leise, nicht schön genug, nicht mutig genug, nicht erfolgreich genug.

Irgendwie immer ein bisschen nicht genug.

Und ich denke dann oft darüber nach, wie verrückt das eigentlich ist. Da sitzt eine Frau vor mir, die ich für ihre Stärke bewundere, und erzählt mir von ihren vermeintlichen Schwächen. Eine wunderschöne Frau erklärt mir, was an ihrem Körper alles falsch ist. Eine kluge Frau zweifelt daran, ob sie etwas kann. Eine mutige Frau erzählt mir von ihrer Angst. Und eine Frau, die für andere Berge versetzen würde, traut sich selbst manchmal nicht einmal den nächsten kleinen Schritt zu.

Mit anderen wären wir meistens niemals so streng. Wenn unsere beste Freundin zu uns käme und sagen würde: „Ich würde dieses Kleid so gerne tragen, aber dafür bin ich zu dick“, würden wir ihr wohl kaum antworten: „Stimmt. Lass es lieber.“ Wir würden vermutlich sagen: „Zieh das verdammte Kleid an.“

Wenn sie uns von einer Idee erzählt, die ihr Herz schneller schlagen lässt, würden wir ihr nicht zwanzig Gründe aufzählen, warum sie scheitern könnte. Wir würden ihr Mut machen. Wenn sie hinfällt, würden wir uns kurz neben sie setzen, vielleicht gemeinsam fluchen und ihr anschließend wieder aufhelfen.

Wir können unglaublich liebevoll mit anderen Frauen und Menschen sein. Wir sehen ihre Schönheit, obwohl sie selbst gerade nur ihre vermeintlichen Makel sehen. Wir sehen ihren Mut hinter der Angst, ihre Stärke hinter den Tränen und ihre Möglichkeiten hinter den Zweifeln.

Nur mit uns selbst sind wir oft erstaunlich ungnädig.

Und natürlich kenne ich das auch. Auch ich habe schon vor dem Spiegel gestanden und zuerst die Dinge gesehen, die mir nicht gefallen. Habe mich verglichen und mich gefragt, ob ich anders sein müsste. Schlanker, schöner, besser, angepasster. Irgendetwas mehr oder irgendetwas weniger.

Genau dieses Thema begleitet mich bekanntlich schon lange. Meine Ausbildung zur psychologischen Beraterin und zum Personal Coach habe ich irgendwann auch deshalb begonnen, weil ich etwas für Frauen machen wollte. Für Frauen, die kleingehalten werden, aber eben auch für die vielen Frauen, die niemand mehr kleinhalten muss, weil sie diese Aufgabe längst selbst übernommen haben.

Für Frauen, die weit unter ihren Möglichkeiten bleiben. Die ihre Träume so lange vernünftig wegargumentieren, bis sie selbst kaum noch daran glauben. Die immer erst noch fünf Kilo abnehmen, mutiger werden oder auf den richtigen Zeitpunkt warten wollen. Und für die Frauen, die sich selbst ganz hinten auf ihre eigene Liste schreiben – nach der Familie, dem Job, dem Haushalt und all den Menschen, für die sie selbstverständlich da sind.

Bis irgendwann die Frage auftaucht: Und wo bin eigentlich ich

Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt, wie viel ein Gespräch verändern kann. Nicht, weil ich irgendwelche schlauen Antworten parat hätte. Manchmal braucht es einfach jemanden, der wirklich zuhört, nachfragt und eine andere Perspektive anbietet. Jemanden, der an der richtigen Stelle auch einmal sagt: „Moment mal. Hörst du eigentlich gerade selbst, wie du über dich sprichst?“

Und manchmal braucht es einen anderen Spiegel. Nicht den im Badezimmer, in dem wir zuverlässig die Falte, den Bauch oder die Stelle finden, die uns gerade nicht gefällt. Sondern einen, in dem der ganze Mensch sichtbar wird.

Ich habe oft gehört, dass Gespräche mit mir gutgetan, etwas angestoßen oder Mut gemacht haben. Und genau daraus ist damals der Wunsch entstanden, das, was ich ohnehin gerne tue, mit einem professionellen Hintergrund zu verbinden.

Heute coache ich beruflich im Leadership Coaching und liebe diese Arbeit sehr. Ich darf Menschen begleiten, Fragen stellen, Entwicklungen erleben und manchmal kleine Türen öffnen, durch die sie anschließend selbst hindurchgehen.

Trotzdem kommt in letzter Zeit immer häufiger ein alter Gedanke zurück. Ich würde gerne noch einmal zu dem zurück, womit alles angefangen hat: zu Frauen. Nicht zu Führungskräften, Hierarchieebenen oder Funktionen. Einfach zu Frauen.

Zu der Frau, die morgens vor dem Kleiderschrank steht und mit ihrem Körper hadert. Zu der Frau, die seit Jahren von etwas träumt und sich nicht traut. Zu der Frau, die nach außen unglaublich stark wirkt und trotzdem manchmal denkt, dass sie nicht reicht. Zu der Frau, die für alle anderen sorgt und dabei vergessen hat, dass sie selbst auch jemand ist, um den sie sich kümmern darf.

Und genauso zu der Frau, bei der eigentlich ziemlich viel gut läuft und die trotzdem Lust hat herauszufinden, was noch in ihr steckt. Denn man darf sich verändern, obwohl man sich mag. Man darf mehr wollen, obwohl das Leben gut ist. Man darf Träume haben, ohne undankbar für das zu sein, was bereits da ist.

Und so wächst gerade eine Idee in meinem Kopf. Vielleicht möchte ich im neuen Jahr einen kleinen Workshop anbieten. Einen Raum für Frauen. Und nein, keinen Workshop nach dem Motto „In drei Stunden zu deinem neuen Ich“. Um Himmels willen. Ich möchte gar kein neues Ich erschaffen. Ich finde unser vorhandenes nämlich ziemlich spannend.

Viel lieber würde ich gemeinsam ein bisschen von dem freilegen, was unter all den Erwartungen, Vergleichen und Rollen manchmal verschwindet. Unter dem „Das macht man so“, dem „Was sollen die anderen denken?“, dem „Dafür bin ich zu alt“, dem „Dafür habe ich nicht die Figur“ und dem ziemlich hartnäckigen „Das kann ich sowieso nicht“.

Es könnte um Selbstfürsorge und Selbstwert gehen, um Grenzen, Mut und Träume. Um diese innere Kritikerin, die erstaunlich ausdauernd sein kann. Um unseren Körper und darum, dass er nicht erst einer bestimmten Kleidergröße entsprechen muss, bevor wir anfangen dürfen, unser Leben zu genießen.

Und natürlich um Glück. Nicht um das große, glänzende Instagram-Glück, sondern um das persönliche. Um die Frage: Was macht eigentlich mich glücklich?

Was brauche ich? Was wünsche ich mir? Wovon träume ich? Wo mache ich mich kleiner, als ich bin? Was würde ich tun, wenn ich keine Angst davor hätte, was andere darüber denken?

Und während ich über all das nachdenke, bin ich bei einem Wort hängengeblieben:  Groß-artig.

Wir Frauen haben nämlich ziemlich früh gelernt, artig zu sein. Rücksicht zu nehmen, es möglichst allen recht zu machen, nicht zu laut zu sein, nicht zu viel zu wollen und niemandem auf die Füße zu treten. Wir sollen selbstbewusst sein, aber bitte nicht zu selbstbewusst. Erfolgreich, aber nicht überheblich. Gut aussehen, aber bloß nicht eitel sein. Für andere da sein und möglichst nicht zu oft fragen, wer eigentlich für uns da ist.

Ganz schön anstrengend, dieses Artigsein. Und manchmal muss man eben gar nicht artig sein.

Man darf Nein sagen, ohne anschließend eine dreiseitige Begründung zu liefern. Ein Kleid tragen, obwohl man nicht die vermeintlich perfekte Figur dafür hat. Einen Traum verfolgen, den andere für verrückt halten. Platz beanspruchen. Laut lachen. Seine Meinung sagen. Etwas Neues anfangen. Scheitern und noch einmal anfangen. Und manchmal einfach etwas tun, weil es sich für einen selbst richtig anfühlt.

Denn manchmal wird es genau dann groß-artig.

Vielleicht ist es genau das, was ich mit diesem Workshop gerne erreichen würde. Keine Frauen verändern und ihnen schon gar nicht erklären, wie sie sein sollten. Sondern ihnen einen Raum geben, in dem sie herausfinden können, wie sie eigentlich sein wollen.

Und bevor ich diese Idee weiterdenke, möchte ich euch fragen. Würde euch ein solcher Online-Workshop interessieren? Würdet ihr ihn selbst buchen oder vielleicht einer Frau empfehlen, bei der ihr beim Lesen gerade gedacht habt: Du solltest endlich einmal sehen, was ich sehe, wenn ich dich anschaue.

Und was müsste darin vorkommen? Wo seid ihr eure eigene größte Kritikerin? Was würdet ihr gerne verändern? Was habt ihr euch bisher nicht getraut? Was würde euch guttun?

Ich weiß noch nicht, ob aus diesem Gedanken tatsächlich etwas wird. Aber ich merke, dass er bleibt. Und inzwischen kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass Gedanken, die immer wiederkommen, zumindest einen zweiten Blick verdient haben.

Ihr seid - nach einer lieben Kollegin - die Ersten, denen ich davon erzähle.

Und ich würde mich riesig freuen, wenn ihr mir erzählt, was ihr zu der Idee sagt. Schreibt mir hier, per Email, WhatsApp oder ruft mich an. Ich sammle und mache mir weiter Gedanken. 

Und bis dahin könnt ihr eine Kleinigkeit ausprobieren: Wenn ihr das nächste Mal vor einem Spiegel steht, schaut nicht sofort auf die Stelle, die ihr normalerweise zuerst kritisiert. Schaut diese Frau einmal so an, wie ihr eure beste Freundin ansehen würdet.

Seht, was sie geschafft hat. Woran sie gewachsen ist. Woran sie beinahe zerbrochen wäre und trotzdem weitergemacht hat. Für wen sie da war, wie oft sie wieder aufgestanden ist und wovon sie noch immer träumt. Und dann sagt dieser Frau bitte nicht, dass sie erst noch irgendetwas an sich verändern muss, bevor sie gut genug ist. Wenn sie eure Freundin wäre, würdet ihr sie vermutlich ziemlich großartig finden.

Vielleicht ist es an der Zeit, das selbst auch zu tun. Und hin und wieder einfach ein bisschen weniger artig zu sein. Denn wer weiß: Vielleicht wird es dann erst richtig groß-artig.

Ich wünsche euch einen wunderschönen Sonntag und viel Spaß bei allem, was ihr heute vorhabt 🩷💜❤️

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